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Torfgewinnung

Hans Christian Davidsen (1899–1995) berichtet

 

Mein Großvater, der 1864 auf die Heide umzog, hatte ein großes Stück Heideland auf lange Zeit gepachtet und gleichzeitig das Recht zum Torf machen erworben. Er selbst konnte infolge seines Alters nicht hart arbeiten. Die Familie aber musste ihren Lebensunterhalt haben. Es gab eben keine andere Möglichkeit, als fremde Kräfte heranzuholen. In Renz fanden sich mehrere Arbeiter, die gerne den Sommer über ins Moor gingen.

 

Wenn Anfang April die Sonne Feld und Moor etwas trocknete, dann fing auch schon die Moorarbeit mit dem Flachen stechen an. Diese obere Schicht Moor war beliebt zum Feuer machen und Feuerhalten und wurde viel gebraucht. Ein Fuder kostete damals etwa 4,- Mark Das waren ungefähr 800 - 900 Stück. Ein Mann, der dieses Stechen gewohnt war, konnte an einem Tag fast 5000 Stück machen.

 

Unser Moor auf Bramstedtfeld war nicht grabfähig, weil das Material auseinanderfiel. Der Torf musste also gestrichen werden. Ein Torfstreicher brauchte folgendes Werkzeug: 1 Spaten, 1 Schaufel, 1 Holzschaufel mit einer Platte 30 x 40 cm, 52 Bretter mit einer Breite von ca. 15 cm und einer Länge von 3,50 m, dann noch eine Karre mit einer Plattform von ca. 70 cm x 1,20 m und eine dazu passende Form für 36 Torfstücke. Die Arbeit mit diesen Geräten ging wie folgt vor sich:

 

40 Bretter wurden nebeneinander auf den Moorboden hingelegt, nachdem man die Unterlage sorgfältig geebnet hatte. Kein Brett durfte eine Hohlstelle im Untergrund haben, weil dann später das Gewicht der Tiere dieses Brett zerbrach. So hatte man nun eine Fläche von 6 x 3,50 m mit Brettern belegt.

 

Rundherum um diese Fläche wurden Pfähle von etwa 1 Meter Länge in das Moor getrieben, mindestens 16 an der Zahl in regelmäßigen Abständen. Die übrigen 12 Bretter wurden je 2 zusammengenagelt und dienten, an der Innenseite der Pfähle aufgesetzt, als Abgrenzung.

 

So war ein Kasten gebildet, der nun das Moor aufnahm. Die durchschnittliche Tiefe der Moorschicht betrug 75 cm. Mit einem Spaten grub man das Moor heraus und warf die Klumpen in diesen Kasten. Dabei war sehr hinderlich, dass das Moor nicht zusammenhielt, sondern sich sehr oft auf dem Spaten spaltete, genau dann, wenn man gerade werfen sollte. Ein Mann brauchte oft zum Füllen des Kastens, von uns „Trai“  [1] genannt 2-3 Stunden.

 

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Der Moorkasten (Traj) wird gefüllt

 

Hinzu kam das Problem mit dem Wasser. Es wurden für jeden Kasten dieser Größe, der ungefähr 6 Tausend Torf (2 Fuder) beinhaltete, 350 Eimer Wasser gebraucht. Um diesen Bedarf, der ja täglich fast 1000 Eimer betrug, zu decken, wurden in dem harten Boden Löcher von etwa 4 x 4 Meter gegraben. So eine Kuhle musste 3 Meter tief sein, um genügend Wasser liefern zu können. Dann rutschten die Seitenwände fortwährend ab und deckten die Quelle zu, sodass man immer wieder den Sand herausholen musste.

 

Bevor nun das Wasser seinem wirklichen Zweck zugeführt werden konnte, musste es zunächst mit einem Eimer aus der Kuhle geholt und in eine Rinne gegossen werden, wobei natürlich ein enormer Prozentsatz im Boden versickerte, bevor es an die Stelle kam, wo es gebraucht wurde. Hier am Ende der Rinne und unmittelbar vor dem „Trai“ musste wieder ein Loch gegraben werden und dabei der harte Untergrund durchbrochen sein, bevor man hier wieder den Eimer füllen konnte um endlich das Wasser auf das aufgeworfene Moor im „Trai“ zu werfen.

 

traj, trai oder tråd, mundartlich dänisch = treten. Die Schreibweise ist sehr unterschiedlich, da die hier gesprochene Mudart niemals schriftlich fixiert wurde. So hing es von der genauen Aussprache ab, wie ein Ausdruck schriftlich wiedergegeben wurde. Viele Ausdrucksweisen, selbst in nahe gelegenen Ortschaften wie Renz (Rens) und Bramstedt, sind sehr unterschiedlich. Das schildert z.B. Detlef Hansen (1888-1958) in „Ein Dorf an der Grenze“ in der Chronik von Bramstedtlund (DAVIDSEN 1987).

 

Nun traten die Kühe in Tätigkeit, die aus dem Moor und dem Wasser einen Brei kneteten, der nach dreistündiger Arbeit dann „streichfertig“ war. Wenn man nun drei Torfstreicher in Arbeit halten wollte, mussten die Tiere ständig im Einsatz sein. Das wären nahezu 9 Stunden pro Tag gewesen. Das war für eine Kuh unmöglich, zumal sie nebenbei auch noch Milch spenden sollte.

 

Aber auch da wusste man sich zu helfen. Zum Hüten waren aus dem Dorf jeden Sommer eine Anzahl Ochsen aufs Norderfeld gegeben und den Kindern der Familie anvertraut. Die wurden notfalls mit zum Torf kneten herangezogen. Es ist kein Vergnügen gewesen, die Tiere anzulernen. Es kam vor, dass ein träger Ochse sich einfach fallen ließ und kaum zu bewegen war, aus dem Morast wieder aufzustehen.

 

In meiner Kindheit haben wir mit einem Pferd die Arbeit, gemacht. Dazu wurde dann eine zweirädrige Karre oder ein halber Wagen hinterher gespannt, dessen Räder immer ganz an die Seitenbretter gingen und so den Knetvorgang etwas beschleunigten.

 

Die Bearbeitung mit dem Vieh war nach dem Urteil der alten Torfstreicher aber die beste. Grund dafür waren die Doppelhufe, die das Moor besser zerquetschten. Die Person aber, die die Ochsen halten musste, wollte bestimmt lieber mit einem Pferd kneten.

 

Die Ochsen konnten plötzlich zur Seite taumeln und den Mann umwerfen, während das Pferd mit einem kleinen Stock leicht vom Körper gehalten werden konnte. Meine Mutter hat viele Jahre hindurch diese Arbeit mit dem Pferd gemacht, in Hosen und langgestiefelt, bis wir Kinder sie dann ablösen konnten. Ich habe dann immer geritten und oft im April tüchtig dabei gefroren, besonders wenn man einen Spritzer des kalten Wassers abbekommen hatte.

 

Nach der Beendigung dieser Arbeit wurden die Beine des Pferdes, bzw. der Rinder abgewaschen und nun begann für den Torfstreicher das Auskarren des Moores. Nehmen wir die gebräuchlichste Karre mit der großen Form von 36 Torf. Mit der Holzschaufel wird Moor in die auf der Karre liegenden Form gefüllt, hineingepresst und glatt gestrichen. Von dieser Tätigkeit stammt die Bezeichnung: „Streichen“.

 

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1930, abkarren der grfüllten Torfform

 

Dann karrte man den Torf in der Form zum Schlagplatz. Vorausgehen musste natürlich eine Ausgleichung des Bodens, sodass der Torf möglichst eben lag. Man war bestrebt, in einer „Reihe“ immer ca. 1000 Torf abzuschlagen. Das waren 28 Karren, und so musste man schon fast 40 m mit der schweren Karre traben.

 

Ein guter und fleißiger Torfstreicher konnte in einer Stunde 1000 Torf auskarren. Aber auf unserem Moor war dies kaum möglich, weil man bei jeder zweiten oder mindestens jeder dritten Karre die Form ausschlagen musste, d.h. man hob sie hoch und ließ sie hart auf die Karre fallen, sodass die Reste an Moor sich etwas lösten.

 

Dann hatte man den Wassereimer mit einem Heidebusch und spritzte die ganze Form gut mit Wasser aus. Dabei gingen immer ein paar Minuten verloren. Aber ohne diese Spritzerei ging es einfach nicht; das Moor ging zuletzt gar nicht mehr aus der Form heraus.

 

Zum Abstreichen der gefüllten Form von der Karre gehörte ein wenig Handfertigkeit. Man kippte die Karre mit der Form auf die Seite, hob dann die Karre senkrecht nach oben, wobei die Form einen Augenblick mit ihrem ganzen Inhalt stehen blieb und darin umkippte. Dabei durfte ja kein Moor aus der Form laufen. Es war also notwendig, dass nicht zu viel Wasser beigemischt worden war.

 

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Das Auskarren und Abkippen

 

War die Mischung wiederum zu steif, dann bekam man es wieder nicht aus der Form. Man hob nämlich dann die Form auf, wobei der Torf liegen blieb, und mit einem gewissen Schwung hob und drehte man die entleerte Form so, dass sie wagerecht auf die Platte zu liegen kam. Und dann ging das Füllen erneut vor sich.

 

Blicken wir kurz zurück auf das Tagwerk eines Torfstreichers. Um 4 – ½ 5 Uhr morgens war er schon auf dem Weg zum Moor. Die erste Arbeit war das Herausziehen der Pfähle. Die Bretter und also auch die Leitpfähle mussten nämlich immer wieder neu verlegt werden, sobald ein Kasten ein- bis zweimal Ausgestrichen war.

 

Manchmal hielt das Moor durch den Sog die Dinger so fest, dass man ein Tau nahm und den Pfahl in eine Schlinge nahm. Wenn etwas seitwärts gezogen wurde, dann gelang es. Der neue Platz für das Auslegen der Bodenbretter musste geebnet werden, die schon vom Wasser schwer gewordenen Bretter mussten gehoben, hingetragen und gelegt werden usw. Alles wiederholte sich. Die Pfähle wurden wieder mit einer großen Holzkeule eingeschlagen.

 

Etwa um 7 Uhr wurde wieder mit dem Mooreinwerfen in den Kasten begonnen, so dass dann um 9 bis ½ 10 Uhr das Kneten losgehen konnte. Um 12 bis ½ 1 war dieses geschehen. Dann war in der heißen Mittagszeit etwas Ruhe. Das Auskarren nahm dann den Nachmittag in Anspruch und es wurde doch oft sehr spät, bis Feierabend war.

 

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Torfkehren und Ringeln (Aufsetzen)

 

So ging es Tag für Tag von Ende April bis in den September, und der letzte Torf wurde oft gar nicht mehr recht trocken. Die Bearbeitung des Torfes mussten die Familienangehörigen machen. Wir Kinder mussten den Torf umkehren. Dabei mussten wir jeden einzelnen Torf anheben und auf die Seite legen. Nach Tagen wurde dann der fast trockene Torf in „Ringeln“ gesetzt. Das war die Arbeit Mutters und der größeren Kinder.

 

Von 3 Torf wurde ein Dreieck gebildet und so immer 6 mal 3 aufeinander geschichtet und zuletzt 2 obenauf. Das ergab die Zahl 20, also 50 Ringeln sind 1000 Torf und 150 Ringeln sind ein gewöhnliches Fuder. Diese Ringeln standen schön in Doppelreihe und wenn die zahlreichen Torfwagen anrollten, von Neupepersmark durch den staubenden Sand, dann wurden schon die Ringeln abgezählt, damit keine Zeit verloren ging.

 

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Torf aufsetzen zum Trocknen (ringeln)

 

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Einige Arbeitsgeräte (Zeichnungen Carl Carstensen)

 

Anmerkungen

[1]  traj, trai oder tråd, mundartlich dänisch = treten. Die Schreibweise ist sehr unterschiedlich, da die hier gesprochene Mudart niemals schriftlich fixiert wurde. So hing es von der genauen Aussprache ab, wie ein Ausdruck schriftlich wiedergegeben wurde. Viele Ausdrucksweisen, selbst in nahe gelegenen Ortschaften wie Renz (Rens) und Bramstedt, sind sehr unterschiedlich. Das schildert z.B. Detlef Hansen (1888-1958) in „Ein Dorf an der Grenze“ in der Chronik von Bramstedtlund (DAVIDSEN 1987).

 

 

Auszug aus der Chronik von Bramstedtlund (DAVIDSEN 1987)

 

Alle Fotos © Kirchspielarchiv Ladelund

 

DAVIDSEN (1987) Hans Chr. Davidsen und Klaus Arweiler: Bramstedtlund, Geschichte und Geschichten aus einer Schleswigschen Geestgemeinde.
1. Teil 1981, 2. Teil 1987 3. Teil 1988. Im Selbstverlag.

4. leicht veränderte Auflage 2013